Alba Ramírez Guijarro, Doktorandin am Institut für Philosophie , geht den Schnittstellen zwischen Wittgensteins Philosophie und Künstlicher Intelligenz in ihrer Dissertation auf die Spur. Im Interview spricht sie über die Zusammenhänge zwischen dem Philosophen und der Technologie, die derzeit unsere Gesellschaften grundlegend verändert.
Ist es möglich, Ihre Arbeit einer Lai:in zu erklären? Wie würden Sie Ihrem Nachbarn über den Gartenzaun hinweg in wenigen Sätzen erklären, woran Sie arbeiten?
Ich konzentriere mich auf Sprachphilosophie und Erkenntnistheorie. Meine Forschung befasst sich mit Wittgensteins Gedanken und deren Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz. Meinem Nachbarn würde ich sagen, dass Fragen wie -Kann eine Maschine denken?- oder -Ist ein -Sprachspielohne eine -Lebensformmöglich?- in Wittgensteins Denken eine wichtige Rolle spielen und Konsequenzen für die Entwicklung der KI haben.
Ludwig Wittgenstein starb 1951; wenige Jahre später wurde der Begriff -Künstliche Intelligenzzum ersten Mal geprägt. Welche Verbindungen sehen Sie zwischen Wittgenstein und künstlicher Intelligenz?
Begriffe werden geschaffen, nachdem das, was sie bezeichnen, entdeckt oder erfunden wurde. Der Begriff -Künstliche Intelligenzwurde nach Wittgensteins Tod geprägt, aber Proto-Konzepte und Fragen im Zusammenhang mit KI gab es bereits zuvor. Da sich das, was an den Anfängen der KI existierte, stark von dem unterscheidet, was wir heute haben, hat sich die Bedeutung des Begriffs im Laufe der Zeit weiterentwickelt. Ich halte die Analyse dieser Entwicklung für wichtig, wobei der Ursprung von grundlegender Bedeutung ist. In den Anfängen der KI gibt es Fragen, die wir in Wittgensteins Werken finden können. 1937 versuchte Turing, sich mit der Simulation kognitiver Prozesse durch Maschinen zu befassen. Wittgenstein und Turing führten in den 1930er Jahren in Cambridge mehrere Gespräche. Sie verfolgten unterschiedliche Ansätze, teilten jedoch intellektuelle Anliegen und Fragen. Ich denke, sowohl Wittgenstein als auch die KI laden uns dazu ein, darüber nachzudenken, wie wir mit der Welt in Beziehung stehen und welche Rolle Sprache sowohl in unserem Leben als auch im Wissen spielt.
Wie kann Ludwig Wittgensteins Werk den heutigen Diskurs über Künstliche Intelligenz unterstützen?
Wittgensteins Begriff der -Sprachspielehat die aktuelle natürliche Sprachverarbeitung in der Künstlichen Intelligenz beeinflusst. Große Unternehmen wie Google haben auf der Grundlage von Wittgensteins Ideen, umgesetzt von Computerlinguist:innen, Verbesserungen vorgenommen. Der amerikanische Mathematiker und Informatiker John F. Sowa behauptet, dass der Schlüssel zum Verständnis der Beziehung zwischen natürlichen und künstlichen Sprachen in -Sprachspielenzu finden ist. Wittgensteins Einfluss auf die maschinelle Ébersetzung lässt sich in den bahnbrechenden Arbeiten seiner Schülerin Margaret Masterman zur Linguistik nachverfolgen. Wittgenstein postulierte, dass die Bedeutung von Wörtern aus ihrer Verwendung abgeleitet wird, was sich in der empirischen Arbeit zur Distributionshypothese in der KI als entscheidend erweisen wird. Einige Algorithmen (wie Word2Vec) ermöglichen es, ein Wort anhand des Kontexts vorherzusagen, oder den Kontext anhand eines Wortes. Andere aktuelle Algorithmen (wie FGREP) verwenden retrospektive Sätze und semantische Rahmenwerke. Der Glove-Algorithmus ist ebenfalls ein klares Beispiel dafür; er basiert auf der grundlegenden strukturalistischen Annahme, dass Bedeutung durch Verwendung entsteht und durch den Kontext bestimmt wird. Ich denke, dass Wittgensteins Ansatz in seinen Philosophischen Untersuchungen aufgrund seiner Analyse der natürlichen Sprache für die KI sehr aufschlussreich ist. Es gibt auch viele Themen in der KI, die aus Wittgensteins Perspektive betrachtet werden können, wie zum Beispiel das Bewusstsein in der Technologie, die Möglichkeit einer privaten Sprache, Metakreation...
Wie sind Sie selbst zu diesem Thema gekommen?
Ich habe meinen Master in Philosophie an der Universität Salzburg absolviert, weil die Fakultät dort analytisch ausgerichtet ist. Ich interessierte mich für Wittgenstein und glaubte, er sei ein analytischer Philosoph. Ich hatte eine großartige Zeit in Salzburg, aber ich stellte fest, dass Wittgenstein nicht analytisch war und dass mein Interesse weit von der analytischen Philosophie entfernt liegt. Das war sehr hilfreich, um meinen Weg in Richtung Doktorat neu auszurichten. Ich wollte nicht mit analytischer Philosophie weitermachen, aber ich wollte weiterhin Wittgenstein lesen. Ich überlegte, eine Dissertation über Wittgenstein zu schreiben, und beschloss später, ihn mit Künstlicher Intelligenz in Verbindung zu bringen. Dieses Thema inspiriert mich, Fragen der Sprache und Erkenntnistheorie aus einer neuen Perspektive zu betrachten.
Werden Sie bei Ihrem Doktoratsprojekt finanziell unterstützt?
Ich strebe diese Promotion mit einem Stipendium der Ramón Areces Foundation (Spanien) an. Ich bin der Stiftung überaus dankbar. Ramón Areces war ein Geschäftsmann, der in verschiedenen Ländern studiert und El Corte Inglés, eines der führenden Unternehmen meines Landes, gegründet hat. Er gründete 1976 in Madrid eine Stiftung zur Förderung von Wissen und Kultur. Ich finde das inspirierend: Menschen und Organisationen wie diese bewegen die Welt. Die Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, die akademische Arbeit spanischer Forscher:innen im Ausland zu unterstützen. Sie investiert durchschnittlich zwölf Millionen Euro pro Jahr in Forschungsprojekte. Die Ausschreibungen sind sehr umkämpft, daher schätze ich mich sehr glücklich. Derzeit unterstützt die Stiftung 57 Projekte in den Naturwissenschaften wie Physik oder Biomedizin, 50 in den Sozialwissenschaften und 5 in den Geisteswissenschaften. Zu den geisteswissenschaftlichen Projekten gehört mein Doktoratsprojekt in Klagenfurt, zusammen mit vier Studierenden, die an anderen geisteswissenschaftlichen Projekten arbeiten (in Oxford, Rotterdam, Edinburgh und Cambridge).
Warum haben Sie sich für Klagenfurt entschieden? Hat einer Ihrer Professoren Ihre Entscheidung beeinflusst, einen Doktortitel in Philosophie anzustreben?
Volker Munz arbeitet an der Universität Klagenfurt. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Wittgenstein. Volker war vom ersten Tag an in jeder Hinsicht sehr hilfreich! Als ich in Klagenfurt ankam, wartete er am Bahnhof auf mich und half mir, mich einzuleben. Das werde ich nie vergessen. Volker ist ein guter Professor, der meiner Meinung nach wesentlich zur Verbreitung von Wittgensteins Gedanken beiträgt. Er hat mich zu seinen Seminaren, Workshops, Sommerschulen, Symposien eingeladen. Ich glaube, dass ich auch dank der Vorlesungen und der Unterstützung ehemaliger Professoren in diesem Doktorandenprogramm bin, unter denen ich Alfonso Drake (Päpstliche Universität Comillas, Madrid) und Julien Murzi (Universität Salzburg) besonders hervorheben möchte. Eine weitere Person, deren Anleitung für meine Arbeit wichtig ist, ist Alois Pichler (Universität Bergen). Er ist mein zweiter Betreuer und mein Mentor dank des Young-Scientists-Mentoring-Programms an der Universität Klagenfurt. Ich freue mich auf meinen Forschungsaufenthalt im nächsten Frühjahr bei Alois in Norwegen.
Wie kam es, dass Sie Philosophie studierten?
Das Studium der Philosophie war eine leidenschaftliche Entscheidung, wie alle meine guten Entscheidungen. Ich habe mich vielleicht bei rationalen Entscheidungen geirrt, aber nie bei Entscheidungen, die auf Leidenschaft beruhten. Als Teenager begann ich, philosophische Texte zu lesen, und es war Liebe auf der ersten Zeile. Ich glaube, Platon und Nietzsche hatten den größte Einfluss auf mein frühes Interesse an der Philosophie, aber dann kamen andere Philosophen hinzu, die meine Sicht auf die Welt geprägt haben. Ich konnte Philosophie mit einem Vollstipendium der Loyola Centro Foundation in Spanien studieren. Die Jesuiten haben mir eine Chance gegeben, die ich sonst nicht gehabt hätte. Ich werde ihnen immer dankbar sein, denn sie haben mein Leben verändert. Sie haben mir ermöglicht, das zu studieren, was ich wollte, Jahre mit philosophischen Büchern zu verbringen und hierher zu kommen! Die Beschäftigung mit Philosophie gibt mir eine tiefe innere Zufriedenheit.
Was sind Ihre Zukunftspläne, nachdem Sie Ihre Dissertation abgeschlossen haben? Möchten Sie in der Wissenschaft bleiben?
Ich möchte mit Philosophie, Kreativität und Wissen verbunden bleiben. Die Wissenschaft ist eine gute Option für mich. Ich möchte auch weiterhin als Literatur schreiben und Werke redigieren. Es wäre schön, an neuen, noch zu entdeckenden Verlagsprojekten mitzuarbeiten.
Gibt es große philosophische Fragestellungen, die Sie besonders interessieren?
Von der griechischen Antike bis zur Gegenwart stützte sich die Philosophie auf Fundamente oder Götter (im wörtlichen oder metaphorischen Sinne). In den letzten Jahrhunderten haben wir diese Fundamente hartnäckig in Frage gestellt und unsere Götter getötet. Heute spielen wir mit künstlicher Intelligenz und neuen Technologien in der Biologie die Schöpfer statt die Geschöpfe. Das gab es schon in der Kunst, aber jetzt ist es Realität. Es ist ein neues Spiel, das mit mehr als zweitausend Jahren Metaphysik bricht. Was kommt als Nächstes? Ich bin sehr neugierig darauf, diesen nächsten Schritt zu entdecken, denn er ist eine Herausforderung für die Geschichte der Philosophie.
Ein weiteres Thema, das mich beschäftigt, ist die Vergangenheit, der Unterschied zwischen Erinnerung und Geschichte. Ich denke, dass Zeit aus philosophisch-historischer Sicht entscheidend ist, um die Welt und uns selbst zu verstehen. In dieser philosophisch-historischen Zeit gibt es ein wichtiges Element des Erinnerns, Vergessens, der Éberschreitung, der Versuche der Klärung, der verlorenen und wiedergewonnenen Identität. All das fasziniert mich, wie ein großes Rätsel, das es zu lösen gilt!
Ich interessiere mich auch sehr für die Beziehung zwischen Sprache und Welt, Sprache und Wissen. Die heutige Welt ist sehr quantitativ, sehr wissenschaftlich. Die Sprache der akademischen Welt ist technisch, unpersönlich, künstlich, im Wesentlichen dogmatisch. Das Wissen, das sie hervorbringt, wird dieselben Adjektive haben, aber es wäre wenig ambitioniert zu glauben, dass es das einzig mögliche Wissen ist. Ist eine andere Sprache möglich? Das ist keine poetische oder mystische Frage (das gehört der Vergangenheit an), sondern eine Frage, die in die Zukunft gerichtet ist... hin zu einer neuen Art des Fühlens und Denkens.
Alba Ramírez Guijarro studierte im Bachelorstudium an der Universidad Pontificia Comillas in Spanien Philosophie. Praktika führten sie in die USA, für ein Auslandssemester ging sie an die Università degli Studi di Torino in Italien. Das Masterstudium absolvierte sie an der Universität Salzburg. Nun kam sie für ihr Doktoratsstudium beim international renommierten Wittgenstein-Experten Volker Munz an das Institut für Philosophie der Universität Klagenfurt. Ihr zweiter Betreuer und Mentor im Young-Scientists-Mentoring-Programm ist Alois Berger an der Universität Bergen. Für ihr Doktoratsstudium wird sie mit einem Stipendium der Ramón Areces Foundation (Spanien) unterstützt.
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