Der anhaltende Krieg zwischen Russland und der Ukraine hat zu schwerwiegenden humanitären Krisen geführt, darunter weitreichende Lebensmittelknappheit. Laut dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen waren im Jahr 2023 schätzungsweise 11 Millionen Ukrainer:innen - etwa ein Drittel der Bevölkerung - von Hunger bedroht. Diese Krise, verschärft durch Störungen in den Lieferketten und extreme Wetterereignisse, könnte die Diabetes-Prävalenz nicht nur in der Ukraine, sondern weltweit erhöhen, argumentieren Peter Klimek und Stefan Thurner von Complexity Science Hub und MedUni Wien in einem Kommentar, der in der Fachzeitschrift ,,Science" veröffentlicht wurde.
Es ist bekannt, dass Mangelernährung in der Schwangerschaft - vor allem in der frühen Phase - das Risiko des Nachwuchses, Jahrzehnte später an Diabetes zu erkranken, deutlich erhöht. ,,Bei 187.000 Neugeborenen und einer Diabetesrate von 7,1 % im Jahr 2023 in der Ukraine könnte dies zu 13.000 bis 19.000 zusätzlichen Diabetesfällen führen", so Klimek und Thurner, die auch am Supply Chain Intelligence Institute Austria tätig sind.
Globale Auswirkungen auf öffentliche Gesundheit
Weltweit leiden durch den Krieg in der Ukraine und die daraus resultierenden Unterbrechungen in den Lebensmittellieferketten schätzungsweise 23 Millionen Menschen zusätzlich an Hunger. Werden auch wetterbedingte Schocks und andere Störungen in der Lieferkette berücksichtigt, könnten weltweit bis zu 122 Millionen Menschen mehr von Hunger betroffen sein als 2019 - was potenziell bis zu 180.000 zusätzliche Typ-2-Diabetesfälle zur Folge haben könnte. "Diese Schätzungen sind nicht als quantitative Vorhersagen gedacht, sondern sollen das potenzielle Ausmaß der direkten und indirekten Auswirkungen von Ereignissen wie der russischen Invasion in der Ukraine auf die öffentliche Gesundheit veranschaulichen", so die beiden Forscher.Dass Mangelernährung während der Schwangerschaft auch in Österreich die Diabetesrate bei den Nachkommen erhöht, zeigten Klimek und Thurner bereits in einer früheren Studie. Analysen der schwersten Hungerperioden 1939 und 1946/1947 ergaben, dass männliche Nachkommen im späteren Leben bis zu 80 % und weibliche Nachkommen bis zu 60 % häufiger an Diabetes erkrankten. Auch für die Folgeerkrankungen von Diabetes konnten sie einen Effekt nachweisen. Das Risiko für Herzversagen, Demenz und chronische Nierenerkrankungen ist doppelt so hoch.
Vor dem Krieg war die Ukraine einer der größten Exporteure landwirtschaftlicher Produkte. ,,Modellierte Auswirkungen des Verlusts der landwirtschaftlichen Produktion in der Ukraine deuten darauf hin, dass Länder wie Moldawien, Libyen, Libanon oder Tunesien Gefahr laufen, mehr als die Hälfte ihrer Weizenvorräte zu verlieren, mit erheblichen Spillover-Effekten auf Lebensmittelprodukte, die Weizen als Zutat benötigen", erklären Klimek und Thurner.
