Vier ERC Advanced Grants für Wissenschafter*innen der Universität Wien

© Georg Herder

© Georg Herder

Förderung für Forschungsprojekte zu interstellarem Gas, zum Erbe der Innovationsgesellschaften, zur Demokratisierung der Demokratie sowie zu Hass im Netz Astrophysiker João Alves, die Wissenschaftsund Technikforscherin Ulrike Felt, Politikwissenschafter Oliver Marchart sowie Kommunikationswissenschafter Jörg Matthes erhalten je einen ERC Advanced Grant, jeweils dotiert mit rund zwei bis zweieinhalb Millionen Euro, für neue bahnbrechende Forschungsprojekte. Mit dem Programm soll grundlagenorientierte Pionierforschung mit hohem Innovationspotenzial ermöglicht und vorangetrieben werden. Insgesamt gingen damit bisher 96 ERC Grants an die Universität Wien.

"Die sehr kompetitiven ERC Grants sind ein wichtiger Indikator für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Universität Wien. Durch sie wird hochkarätige Forschung in unterschiedlichsten Disziplinen ermöglicht. Wir freuen uns, dass mit João Alves, Ulrike Felt, Oliver Marchart und Jörg Matthes vier weitere Wissenschafter*innen der Universität Wien diese Förderung bekommen haben", sagt Rektor Heinz W. Engl.

Interstellares Gas in 3D beobachten Das aktuelle Modell über Aufbau und Struktur unserer Milchstraße steckt in der Krise. Daten der ESA-Mission Gaia haben das 150 Jahre alte Paradigma für die Gasverteilung in der lokalen Milchstraße über den Haufen geworfen - genauer gesagt im Gouldschen Gürtel, einer Struktur mit rund 1.500 Lichtjahren Ausdehnung, die sich mittlerweile als Teil der Radcliffe-Welle entpuppte. In der sich neu etablierenden Ansicht, die erstmals von João Alves mit der Entdeckung der Radcliffe-Welle im Jahr 2020 aufgestellt wurde, verbindet Gas mit geringerer Dichte alle lokalen Sternentstehungsregionen und begründet eine neue Organisationseinheit: Strukturen aus wellenförmigen, kohärenten und linearem Gas im galaktischen Maßstab.

Was ist der Ursprung dieser 10.000 Lichtjahre großen Strukturen? Wie entstehen und verteilen sich Sternentstehungsgebiete in ihnen? Wie hängen sie mit der traditionellen Sichtweise von Spiralarmen zusammen? Das Ziel des ERC-Projekts ist die Entwicklung und Anwendung einer neuen Beobachtungstechnik unter Verwendung von ESO- und ESA-Teleskopen, um erstmals die 3D-Bewegung von interstellarem Gas zu verfolgen. Der Gasfluss ist eine grundlegende physikalische Eigenschaft von Galaxien, die die Sternentstehung und die Galaxienentwicklung vorantreibt. Die aktuelle Bewegung des Gases in 3D zu kennen eröffnet neue Sichtweisen auf den kaum verstandenen Bildungsprozess von Gaswolken und die Bildung von Spiralarmen, wodurch man den Ursprung von Sternen und Planeten in der Milchstraße besser verstehen wird.

João Alves ist Professor für Stellare Astrophysik an der Universität Wien, wo er die Entstehung von Sternen und Planeten erforscht. Derzeit verwendet er den Gaia-Satelliten der ESA und die große Nahinfrarot-Durchmusterung VISIONS mit dem Durchmusterungsteleskop der ESO in der Atacama-Wüste in Chile, um die 3D-Bewegung des interstellaren Gases der Milchstraße zu rekonstruieren. Er promovierte 1999 am Harvard Center for Astrophysics. Bevor er 2010 nach Wien ging, war er Direktor des Max-Planck / CSIC Calar Alto Observatory in Südspanien und davor Fellow and Staff am European Southern Sternwarte (ESO) in München. 2018/2019 war er Harvard Radcliffe Fellow. Er war Dekan der Fakultät für Geowissenschaften, Geographie und Astronomie der Universität Wien. Er ist Chefredakteur der Astronomy & Astrophysics Letters, korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Österreichischer Vertreter im Rat der ESO. Er ist im Beirat der Breakthrough Listen Initiative.

In der Entwicklung von Gesellschaften standen meist technologische Innovationen im Zentrum - daher wird auch immer öfter von Innovationsgesellschaften gesprochen. Es sind aber ebendiese vergangenen Innovationen sowie die damit verbundenen neuen Lebensformen, die an der Wurzel jener Probleme liegen, die heute gelöst werden müssen. So hat etwa Plastik - um nur ein Beispiel zu nennen - das Leben seit dem 20.Jahrhundert maßgeblich neugestaltet, stellt die Menschen aber heute vor die gewaltige Herausforderung, die damit einhergehenden Umweltprobleme zu lösen.

In ihrem ERC-geförderten Forschungsprojekt verschiebt Ulrike Felt die Perspektive weg vom Blick auf neue Innovationen hin zu den Hinterlassenschaften großer Innovationsfelder. Das Projekt "Innovation Residues" widmet sich explizit drei solchen "Rückständen", welche ganz unterschiedliche Geschichten mit sich bringen, Machtverhältnisse aufzeigen und neue Einsichten in unser gesellschaftliches Denken und Handeln erlauben: nuklearer Abfall, Mikroplastik und das Sammeln und Speichern von digitalen Daten - letztere eine Hinterlassenschaft, deren Folgewirkung die Gesellschaft vielleicht noch gar nicht als solche erkennt. Es geht also darum zu verstehen, welchen Platz solche Rückstände in Innovationsgesellschaften einnehmen, wie wir für sie Sorge tragen, wie dies unsere Entscheidungen über und Beziehungen zu Innovationen prägt und welche Rolle Fragen von nachhaltiger Zukunft und Verantwortung spielen.

Ulrike Felt ist seit 1999 Professorin für Wissenschaftsund Technikforschung an der Universität Wien und leitet das gleichnamige Institut. Von 2014 bis 2018 war sie Dekanin der Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Sie promovierte 1983 in Physik und habilitierte 1997 im Bereich der Wissenschaftsforschung/Wissenschaftssoziologie an der Universität Wien. Längere Forschungsaufenthalte haben sie an das Europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf (1983-1988) geführt, aber auch nach Kanada und Frankreich, ebenso wie in die Schweiz und die USA. Ihre Forschung widmet sich Fragen der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Vermittlung von Wissenschaft/Innovation, der Bedeutung von Werten und Verantwortung in Wissenschaft und Innovationsentwicklung sowie Themen im Bereich der Wissenspolitik und Wissenskulturen. Fragen von Zukunft und Zeitstrukturen, in denen wir denken und handeln, spielen als Querschnittsmaterie eine große Rolle in ihrer Arbeit. Sie war und ist im Bereich der Politikberatung auf europäischer und nationaler Eben tätig. Von 2002 bis 2007 war sie Herausgeberin der führenden Zeitschrift im Bereich der Wissenschaftsund Technikforschung (Science, Technology and Human Values, SAGE).


Wie lässt sich unsere Demokratie demokratisieren?

Vieles deutet auf eine Krise der liberalen Demokratien hin - von der Krise der politischen Repräsentation bis hin zum Aufstieg rechtsextremer Populismen. Diese Krise ist nicht zuletzt eine der politischen Vorstellungskraft. Denn solange das Angstbild vom "Ende der Demokratie" vor uns steht, lassen sich kaum demokratische Alternativen zu einem von vielen als unbefriedigend empfundenen Status quo imaginieren.

Im ERC-Projekt "Prefiguring Democratic Futures" von Oliver Marchart werden alternative politische Institutionen erforscht, die abseits der existierenden liberaldemokratischen Institutionen das Potenzial besitzen, die Demokratisierung der Demokratie zu befördern. Zu diesem Zweck werden weitgehend vergessene Institutionen aus der politischen Ideengeschichte geborgen und auf ihre demokratiepolitische Aktualisierbarkeit hin Überprüft. Ebenso werden gegenwärtige aktivistische und künstlerische Praktiken der Erfindung neuer und der Aneignung bestehender institutioneller Formate analysiert. Eingebettet wird diese empirische Arbeit in eine neu zu entwickelnde Demokratietheorie politischer Vorstellungskraft.

Oliver Marchart ist seit 2016 Professor für Politische Theorie am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien, dem er 2016 bis 2018 auch als Institutsleiter vorstand. Er promovierte 1999 in Philosophie an der Universität Wien und 2003 in Government an der University of Essex. Bevor er nach Wien wechselte, bekleidete er die Professur für Soziologie an der Kunstakademie Düsseldorf und war SNF-Förderungsprofessor an der Universität Luzern, wo er in den Fächern Philosophie und Soziologie habilitiert wurde. a. an das Columbia University Institute for Scholars at Reid Hall und das Maison des Sciences de l’Homme (EHESS) in Paris, das Centre for Theoretical Studies in the Humanities and Social Sciences der University of Essex und das Kulturwissenschaftliche Kolleg am Exzellenzcluster "Kulturelle Grundlagen von Integration" an der Universität Konstanz.

Mit der schnellen und weiten Verbreitung des Internets wurden die Möglichkeiten der Bürger*innen revolutioniert, sich am politischen Diskurs zu beteiligen. Allerdings zeigen sich auch immer mehr die Schattenseiten des Internets. Eine davon ist digitaler Hass, auch Hate Speech oder Hass im Netz genannt. Hass verbreitet sich rasant, in Kommentarfunktionen von Nachrichtenportalen, in Messenger-Diensten oder in Foren. Diejenigen, die Hass verbreiten, profitieren vom freien und anonymen Zugang zur Online-Sphäre und verwenden soziale Medien als Instrument zur Untergrabung offener Gesellschaften. Oft sind die Hauptziele des digitalen Hasses Frauen oder religiöse Minderheiten. Mit dem Aufkommen der globalen COVID-19-Pandemie und anderen polarisierten Themen richtet sich der digitale Hass zudem häufig auch gegen die Eliten aus Politik, Journalismus und Wissenschaft.

Vor diesem Hintergrund untersucht Jörg Matthes mit seinem Team im Projekt DIGIHATE die Entstehung, Verbreitung und Wirkung von digitalem Hass. Dabei werden in einem ländervergleichenden Design Täter*innen, Bystander*innen und Opfer in den Blick genommen. Zudem wird nicht nur der Hass gegenüber gesellschaftlich benachteiligten Gruppen untersucht, sondern auch Hass gegenüber Personen aus Politik, Journalismus und Wissenschaft. Ziel ist es zu verstehen, wie und warum sich der Hass verbreitet und was man dagegen tun kann.

Jörg Matthes ist seit Oktober 2011 Professor am Institut für Publizistikund Kommunikationswissenschaft der Universität Wien; seit Februar 2014 Institutsvorstand desselben. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit Persuasionsund Meinungsbildungsprozessen in Werbung, Politik und digitalen Räumen. Seine Arbeiten erhielten über 30 Forschungspreise, unter anderem den "Early Career Scholar Award" der International Communication Association (2014) oder den "Hillier Krieghbaum Under 40 Award" der Association for Education in Journalism and Mass Communication (2016). Seit 2022 ist er Fellow der International Communication Association.

This site uses cookies and analysis tools to improve the usability of the site. More information. |