Robotik mit Gespür: Serkan Ergun lehrt Robotern die Feinfühligkeit

Im Spannungsfeld zwischen Berührung und Distanz erforscht Serkan Ergun an der Universität Klagenfurt neuartige Nahfeldsensorik für die Robotik. Ziel ist es, Maschinen ein präzises Wahrnehmungsvermögen im unmittelbaren Umfeld zu verleihen - eine zentrale Voraussetzung für sichere, adaptive Interaktion zwischen Mensch und Roboter in dynamischen Umgebungen.

Im B07 im Lakeside Park liegen die Laborräume der Forschungsgruppe -Sensors, Actuators & Modular Robotics- der Universität Klagenfurt, die von Hubert Zangl geleitet wird. Serkan Ergun ist Doktorand in der Gruppe. Mehrere Tischreihen stehen hintereinander in einem großen Raum, mit PCs und Robotergreifern, für die Labor-Lehrveranstaltungen für Robotics-Studierende. Im Nebenraum dann größere Aufbauten, unter anderem der Roboterarm, an dem Serkan Ergun aktuell am intensivsten arbeitet. Kürzlich ist es ihm und seinen Kolleg:innen gelungen, Roboterfinger zu designen, die feinfühlig sind. Die Finger spüren mit ihren Sensoren, wie ein Objekt zu greifen ist - egal, ob es sich um einen Stein, einen Seidenschal oder ein Ei handelt. Die neuen Sensoren messen sowohl Normalals auch Scherkräfte auf der Greiffläche. Dadurch erkennt ein Roboter, ob ein Objekt verrutscht oder zu stark gedrückt wird, und kann automatisch gegensteuern. Zum Einsatz kommt dafür eine Art Plattenkondensator, wobei eine Platte in der Platine verbaut ist und die andere aus textilen Elektroden besteht.

Serkan Ergun hat Montanmaschinenbau an der Montanuniversität Leoben studiert und wechselte dann von der Steiermark nach Kärnten, wo er bei Infineon an seiner Masterarbeit arbeitete. Dort gab ihm sein Betreuer den Hinweis, dass an der Universität Klagenfurt interessante Forschung zu Robotik betrieben werde. Kurzerhand bewarb er sich, und wurde zu Jahresbeginn 2020 für seine erste Projektstelle angestellt. Seither verbindet Serkan Ergun seine Leidenschaft für Hardund Software. In seiner Dissertation steht die so genannte Nahfeldsensorik im Mittelpunkt: -Wir bewegen uns dabei in einem Bereich zwischen 0 und 20 Zentimetern. Dies betrifft unterschiedliche Anwendungsfelder: Wir wollen beispielsweise, dass ein Roboterarm in einem Industriesetting rechtzeitig bemerkt, wenn er sich einem Menschen nähert - und abstoppt. Und wir wollen gleichzeitig, dass Roboter, selbst wenn sie mit Menschen interagieren, sicher sind und vor dem Kontakt langsamer werden.-

Fünf Konferenzbeiträge und drei Artikel in nationalen und internationalen Journals hat Serkan Ergun während seines Doktoratsstudiums bereits veröffentlicht. Damit er seine Dissertation abschließen kann, muss er seine bisherigen Arbeiten nun noch in einem gemeinsamen Text verarbeiten. Mittlerweile sind es sechs Jahre, in denen er in Projekten in der Forschungsgruppe angestellt ist. Der Weg in die Technik war bei Serkan Ergun schon vorgezeichnet: Sein Vater hat schon an der Montanuniversität Leoben studiert, ebenso einer seiner drei Brüder. In der Schule war er immer eher für die Mathematik als für Sprachen zu begeistern. Kompetenzen aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz und Programmierung hat er sich in den letzten Jahren zunehmend im Rahmen seiner Arbeit erworben: -Mir macht Robotik viel Spaß, und es ist leichter, in etwas viel Energie zu investieren, das einem Freude bereitet. Mechanik, Physik und Design sind das eine; gleichzeitig ist das Arbeiten an der Software in den letzten Jahren bei mir immer intensiver geworden. Man wächst als Mensch in so einem Umfeld, dazu gehört auch, eine gewisse Frustrationstoleranz aufzubauen, wenn etwas nicht gleich funktioniert.-

Besonders spannend sei auch die Lehre im Bachelorstudium Robotics and Artificial Intelligence. Mittlerweile sind rund 200 Studierende in seiner Vorlesung, die aus aller Welt nach Klagenfurt kommen. Internationalität wie diese kennt Serkan Ergun bestens, auch aus seiner eigenen Familie: -Meine gesamte Familie ist international. Ich selbst wurde in der Türkei geboren und bin in der Steiermark aufgewachsen. Mein ältester Bruder hat eine Frau aus Uruguay, mein zweiter Bruder eine Ungarin und mein dritter Bruder eine Türkin geheiratet. Ich bin mit einer Kärntnerin verheiratet. Bei uns wird bei Familienfeiern Englisch gesprochen, damit wir alle einander verstehen.- Die Konstellation habe viele Vorteile, wie er betont: -Wir betreiben cherry picking und suchen uns das Schönste aus allen Kulturen aus. In Summe haben wir viel mehr Feste als andere Familien.-

Danach gefragt, ob Serkan Ergun glaubt, selbst im Alter - in mehr als fünfzig Jahren - dann von Robotern gepflegt und betreut zu werden, erklärt er: -Ja, dafür bin ich zuversichtlich. Was wir derzeit auf dem Markt sehen, ist oft noch wenig ausgereift und wird eher für Demonstrationszwecke genauso programmiert, wie es uns gezeigt wird. Vorstudierte Standard-Anwendungen funktionieren auch jetzt schon. Der Roboter kann zum Beispiel die Zeitung hereinholen oder einen Kaffee kochen. Was aber, wenn es draußen regnet und der Roboter anders als sonst vor die Tür treten soll? Wenn es darum geht, flexibel auf Situationen zu reagieren, brauchen wir Künstliche Intelligenz, die noch besser zum Einsatz kommen muss.-

Wann haben Sie zuletzt mit jemandem außerhalb der Wissenschaft über Ihre Forschung gesprochen?

Ich tausche mich nahezu täglich mit meiner Frau, die als freiberufliche Hebamme arbeitet, über unseren Alltag aus.

Was machen Sie im Büro morgens als Erstes?

Erstmal hole ich mir ein großes Häferl Kaffee und suche dann ein kurzes Gespräch mit Kolleg:innen, unseren Technikern oder Sekretärinnen.

Wer ist für Sie die größte Wissenschaftler:in der Geschichte und warum?

Eine ganz schwierige Frage, als Wissenschaftler muss ich diese Art von Fragen immer empirisch oder faktisch begründen können, dass wäre wohl Stoff für eine eigene Masterarbeit. Ich passe lieber.

Was bringt Sie in Rage?

Passiver Fußballkonsum ist mein Ventil; und über meinen Herzensverein Galatasaray gleichzeitig auch eine Türe zu meiner Geburtsstadt, die immer offenbleibt.
Beim Mitfiebern kann man gut Frust aufbauen und gleich wieder ablassen.

Und was beruhigt Sie?

Ein gemütliches Bad oder ein netter Abend mit Freunden/Familie.

Machen Sie richtig Urlaub? Ohne an Ihre Arbeit zu denken?

Ehrlich gesagt fällt mir das sehr, sehr schwer.

Wovor fürchten Sie sich?

Vor großen (Fall-)Höhen. Aber in einem Flugzeug fühle ich mich sicher.

Worauf freuen Sie sich?

Mein Studienabschluss rückt hoffentlich bald nahe und auf das Abschließen dieses Lebensabschnittes freue ich mich sehr.

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