Quo vadis, Sozialpartnerschaft? Ein wissenschaftlicher Blick auf einen im Wandel befindlichen Interessensausgleich

Ursula Rami

Ursula Rami

Von manchen totgesagt, für andere als Stütze des Staates beschworen - die Sozialpartnerschaft in Österreich. Steht sie auf dem Spiel?

Ist die Sozialpartnerschaft noch zeitgemäß- Und welche Reformen wären notwendig? Forscher*innen der Johannes-Kepler- Universität Linz, der Forschungs- u. Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA) in Wien und der Universität Roskile in Dänemark haben sich mit diesen Fragen beschäftigt.

Gemeinsam haben die neun Wissenschaftler*innen den Arbeitskreis Sozialpartnerschaft (www.jku.at/institut-fuer-soziologie/forschung/arbeitskreis-sozialpartnerschaft) gegründet und widmen sich der Erforschung der historischen Entwicklung und aktuellen Situation der österreichischen Sozialpartnerschaft aus verschiedenen disziplinären Perspektiven (Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft und Soziologie).

Ein neues Working Paperzeigt nun den Ist-Stand und die möglichen Richtungen auf, in die sich die Institution des Arbeitnehmer*innen/Arbeitgeber*innen-Ausgleichs entwickeln könnte. Vom AMS-Algorithmus bis zur Migrationspolitik - ein Streifzug durch eine nicht nur österreichische Form der sozialen Integration und Konfliktregulierung.

Beiträge

  • Susanne Pernicka (JKU):Sozialpartnerschaftliche Antworten auf digitalePlattformunternehmen im Personentransportsektor

Neue Unternehmen wie Uber oder Bolt (vormals Taxify) stehen im Konkurrenzkampf zu traditionellen Taxiunternehmen. Der Beitrag zeigt, welchen Beitrag die Sozialpartnerschaft hier leisten könnte, um die Bedingungen für einen fairen Wettbewerb festzulegen.

  • Georg Adam (FORBA Wien):Wandel des Machtverhältnisses zwischen Gewerkschaften und ihrem einflusspolitischen Gegenüber (Unternehmen, Arbeitgeberverbände, Politik)

Seit Beginn der 1990er Jahre kann in nahezu allen hochentwickelten Industrienationen empirisch eine Tendenz der Verschiebung der Machtbalance zwischen Gewerkschaften und Unternehmen beobachtet werden -zu Ungunsten der Arbeitnehmer*innenseite. Wie haben die Gewerkschaften darauf reagiert?

  • Vera Glassner (Soziologin in Wien):Kollektivvertragspolitik im österreichischen Metallsektor

Für die Lohnverhandlungen gelten in Österreich die Abschlüsse im Metallsektor als richtungsweisend. Das Erreichen eines brancheneinheitlichen Metaller-Lohnabschlusses wird für die Gewerkschaften allerdings immer mehr zum Kraftakt. Werden die Sozialpartner*innen zu

Gestalter*innen des Wandels oder kommt es langfristig zur weiteren Marginalisierung der Arbeitnehmer*innenvertretungen?

  • Bettina Stadler (FORBA):Transnationale betriebliche Mitbestimmung

Das österreichische System der betrieblichen und überbetrieblichen Mitbestimmung ist traditionell in vielen Strukturen verankert - in der Politik ebenso wie in der zunehmend transnationalisierten Wirtschaft. Welchen Stellenwert messen österreichische Unternehmen der Sozialpartnerschaft bei, wenn sie in transnationale Wertschöpfungsketten eingebunden sind oder Unternehmensbestandteile in das Ausland verlagern?

  • Ursula Rami (JKU):Rollenverständnis und Aufgabenprofil von Betriebsrät*innen: Schutzfunktion und/oder Gestaltungsfunktion (Co-Management)

Obwohl das System der betrieblichen Mitbestimmung in Österreich wie auch in Deutschland eine recht breite Zustimmung erfährt, haben bereits vor gut zwei Jahrzehnten Arbeitssoziolog*innen ,,Risse im Fundament" gesehen. Wissenschaftliche Interviews zeigen, wie Betriebsrät*innen und Vertreter*innen des Managements von Unternehmen den Stellenwert des Betriebsrats heute einordnen.

  • Elias Felten (JKU):Zur Bedeutung der Sozialpartner bei der Gestaltung des Arbeitszeitrechts im Lichte der AZG-Novelle 2018

Die Frage, wie lange bzw. in welchem Ausmaß Arbeitnehmer*innen arbeiten sollen, und zu welchem Preis, hat Auswirkungen auf die Produktivität und Lebensqualität und ist damit von wirtschaftspolitischer Bedeutung. Wie haben sich die Änderungen im Arbeitszeitgesetz auf die Sozialpartnerschaft ausgewirkt?

  • Eduard Müller (JKU):Digitalisierung in der Arbeitsmarktverwaltung - Der ,,AMS-Algorithmus" als Bewährungsprobe für die Arbeitnehmer*innenvertretung

Der Umgang mit Digitalisierung in der österreichischen Arbeitsmarktverwaltung, insbesondere der ,,AMS-Algorithmus" wurde öffentlich stark diskutiert. Der Einsatz von KI steht, vor dem Hintergrund historisch hoher Arbeitslosenzahlen im Gefolge der COVID-19-Pandemie, auch auf diesem sensiblen Gebiet zur Disposition, nicht zuletzt aufgrund kritischer Einwände auf nationaler und internationaler Ebene.

  • Torben Krings (JKU):Sozialpartnerschaft und Migrationspolitik

Dieser Beitrag untersucht den Bedeutungswandel der sozialpartnerschaftlichen Interessenpolitik am Beispiel der österreichischen Migrationspolitik. Anhand von zwei Fallstudien zur Rot-Weiß-Rot-Karte und zur Asylmigration wird gezeigt, dass der sozialpartnerschaftliche Einfluss in diesem Politikfeld rückläufig ist - allerdings auf Seiten der Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen nicht auf die gleiche Weise.

  • Thomas Paster (Universität Roskilde):Sozialpartnerschaft und Arbeitgeber*innenverbände in Österreich

Die WKÖ weist im internationalen Vergleich ein ausgeprägtes sozialpartnerschaftliches Rollenverständnis auf. Verminderte Rückendeckung der Regierungen für die Sozialpartnerschaft und eine veränderte Mitgliederstruktur machen heute aber andere Formen der politischen Einflussnahme für die Arbeitgeber*innen-Seite attraktiver.

Beitrag von Studienleiter Susanne Pernicka. Videos aller anderen Teilnehmer*innen finden Sie unter jku.at/quo-vadis-sozialpartnerschaft


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