Auf den Spuren des Anthropozäns in Wien

Im Bild ein Grabungsprofil in der Steinergasse 17 in Wien. (© Stadtarchäologie W

Im Bild ein Grabungsprofil in der Steinergasse 17 in Wien. (© Stadtarchäologie Wien)

Ausrufung des Menschzeitalters als Diskussionspunkt der größten erdwissenschaftlichen Tagung in Europa

Am Mittwoch, den 10. April 2019, wird im Rahmen der European Geosciences Union (EGU) General Assembly - der größten erdwissenschaftlichen Tagung in Europa mit jährlich mehr als 15.000 Teilnehmern - das Anthropozän breit diskutiert. Vertreten ist dabei auch Kira Lappé, Nachwuchsforscherin an der Universität Wien, die in ihrer Forschungsarbeit die Ausbreitung des Anthropozäns im Untergrund von Wien rekonstruiert und mit einem 3D-Modell visualisiert.

Geprägt wurde der Begriff des Anthropozäns - des Menschzeitalters - in den Geowissenschaften als Hinweis auf den tiefgreifenden Einfluss des Menschen auf das Erdsystem und den globalen Wandel, der auch in den Sedimenten sichtbar ist. Mittlerweile wird der Begriff von einer Vielzahl an Disziplinen aufgegriffen. Im Rahmen der EGU, die von 7. bis 12. April 2019 in Wien stattfindet und mehr als 15.000 ErdwissenschafterInnen anzieht, widmen sich fünf Sessions sowie zahlreiche Vorträge dem Thema Anthropozän - im Rahmen einer Pressekonferenz präsentieren Forschende unterschiedlicher Fachrichtungen ihre Untersuchungen zum Thema Anthropozän.

Die Nachwuchsforscherin Kira Lappé von der Universität Wien stellt dabei das Projekt "The Anthropocene Surge" vor. Das am Department für Geodynamik und Sedimentologie angesiedelte Projekt unter der Leitung von Michael Wagreich nähert sich dem Wiener Untergrund in interdisziplinärer Form: Neben geochemischen und künstlerischen Untersuchungen der menschlichen Ablagerungen entsteht ein 3D-Modell der vom Menschen verursachten Schichten im Untergrund der Hauptstadt.

63.000 Bohrprofile und über 1000 Grabungspläne
"Hier in Wien steht uns dafür eine umfassende Datengrundlage zur Verfügung", erklärt Lappé. Die Grundlage für das 3D-Modell bilden immerhin fast 63.000 Bohrprofile und etwa 1.200 digitalisierte Grabungspläne. "Dadurch lassen sich die einzelnen Schichten - beginnend mit der Römerzeit bis hin zum Plastikabfall - analysieren und visualisieren", erklärt die Archäologin. Die gesammelten Daten und der Forschungsprozess selbst werden darüber hinaus von der Künstlerin Katrin Hornek von der Universität für Angewandte Kunst auf künstlerische Weise ausgewertet: In einer Videoinstallation wird der digitalisierte Körper des Wiener Anthropozäns als Charakter animiert, der sich über die tiefgreifenden Veränderungen in den Beziehungen zwischen menschlichen Kulturen, natürlichen Umgebungen und globalen Technologien im Zeitalter der Menschenzeit Gedanken macht.

Dass der Einfluss des Menschen auf den Planeten messbar ist zeigen auch andere Forschungen, die auf der EGU präsentiert werden - sei es über den radioaktiven Fallout in Gletschern auf der ganzen Welt, durch Pestizidrückstände in Honig, Pollen und Bienenwachs oder zur Plastikverschmutzung. Auch der Klimawandel in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sowie die Plastikverschmutzung stellen zentrale Themen der erdwissenschaftlichen Tagung dar.

Diskussion über Ausrufung eines neuen Zeitalters

"Die Datenlage zeigt mittlerweile recht klar, dass die Ausrufung eines neuen Zeitalters - des Anthropozäns - gerechtfertigt wäre, wobei die 1950er-Jahre als möglicher Beginn eines solchen diskutiert werden", sagt Michael Wagreich, Leiter des Projekts "The Anthropocene Surge" an der Universität Wien und Mitglied der Anthropozän-Working Group der Internationalen Kommission für Stratigraphie. "Der Mensch hat sich in die Sedimente dieses Planeten eingeschrieben - und dieser Prozess kann auch nicht mehr rückgängig gemacht werden. Umso stärker sollte man für die Zukunft auf einen nachhaltigeren Umgang achten", betont der Geologe.

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